Liebe Gemeinde,

in diesem Monat feiern wir das Pfingstfest, ein Fest, das in unserer Kirche neben Weihnachten und Ostern immer mehr verblasst. Es gibt keine Geschenke, keine langen Ferien, keine Familienfeiern, so dass der freie Tag einzig und allein in vielen Familien zu einem kleinen Wochenendtrip genutzt wird. Und so mag der Geist von Pfingsten her vielleicht an vielen Orten, in vielen Ferienwohnungen, Hotels und auf Campingplätzen wehen, aber in unseren Gemeinden bleibt an Pfingsten seit einigen Jahren die Kirche meist leer und das ist eigentlich bedauerlich. Denn an Pfingsten erinnern wir uns doch daran, dass die Sache Jesu von Anfang an Begeisterte brauchte, damit die frohe Botschaft weitergegeben werden konnte von Menschen, die vom Geist erfüllt waren. Aber mit dem Geist tun sich viele Menschen heutzutage schwer. Denn Geist ist für die heutige Zeit ein ungewöhnliches Wort, mit dem jeder etwas anderes verbindet.

Wein-Geist; Schloss-Geist; Geisterbahn; Geistesblitz; Geistesgröße; Geistesgegenwart, Geisterhand; Geistesabwesenheit; Geistesgestörtheit; Geistlosigkeit; auf den Geist gehen.

Geister huschen durch unsere alltägliche Sprachwelt. Wir stellen sie uns bildhaft, faszinierend, mit mystischen Kräften vor oder bezeichnen damit etwas, das mit gedanklicher Qualität zu tun hat.

Trifft das aber den Geist, den wir uns von Pfingsten her für unsere Kirche wünschen?

Der Geist, an den wir glauben, ist sicher kein Gespenst in weißem Bettlaken und sicher auch keine bewertbare intellektuelle Fähigkeit. Der Geist Gottes ist eher vorstellbar als der lebensnotwendige Atem, den Gott uns einhaucht oder als Windstoß, mit dem Gott uns in Bewegung setzt. Und so ist der Geist Gottes sicher eher eine Kraft, mit der Gott uns berührt und die uns dann zu neuen Anfängen befreit. Eine Kraft, die Menschen ermutigt, nicht nachzulassen und sich über Jesu Tod hinaus für die Sache Jesu begeistert einzusetzen. Menschen, deren Lebensträume und Hoffnungen wie Seifenblasen zerplatzt waren, saßen zusammen, in tiefster Depression vereint und hatten weder Kraft noch Mut, mit sich und ihrem Leben etwas anzufangen.

Und in dieser Situation trifft sie der Geist Gottes.

Wie immer das auch geschehen sein mag: Etwas hat sie aus ihrer Erstarrung und Bewegungsunfähigkeit befreit und hat sie mit neuem Lebenswillen, neuer Hoffnung, neuen Ideen und Inspiration erfüllt. Der Geist Gottes hat sie zu neuem Leben befreit und stark gemacht, ihrer Zukunft eine Richtung zu geben, so dass sie nun auch ihren Alltag wieder angehen können.

Für mich wird dieser Geist Gottes immer wichtiger. Denn der Geist als Teil der trinitarischen Wesensbestimmung Gottes ist das, was ich mir nicht erarbeiten kann. Dem Vater kann ich vertrauen, dem Sohn kann ich nachfolgen, aber der Geist wird mir geschenkt. In einer Gesellschaft, in der Leistung immer mehr zählt und Menschen immer mehr nach dem beurteilt werden, als was sie scheinen und was sie besitzen, ist es ungewöhnlich, dass etwas als Geschenk den Besitzer wechselt. Denn kann das etwas sein, wenn es nichts kostet und jeder es bekommen kann, wenn keine Unterschiede gemacht werden zwischen Hartz IV- Empfänger und Vorstandsvorsitzenden? Der Geist kann jede und jeden treffen, ungeachtet der Person, des Besitzes, der intellektuellen Fähigkeiten. Ich finde das schön, aber für viele Menschen ist es sicher beängstigend, wenn keine Unterschiede mehr gemacht werden und sie mit anderen gleichgestellt werden. Aber gerade darum haben wir den Geist sicher bitter nötig, um die zu ermutigen, die Ermutigung brauchen in einer Situation der Krise in Zeiten von Kurzarbeit und Existenzangst, drohender Arbeitslosigkeit, Einsamkeit und Depressionen, burn-out oder Herzinfarkten.

Und ich glaube, in unserer Zeit, in der auch kirchliche Ideen und Ideale oft Aktionismus, Überanstrengung und Hektik nach sich ziehen, benötigen wir dieses Geschenk auch als Bekräftigung, um innere Ruhe und Frieden zu finden.

Denn ich spüre auch bei vielen Christinnen und Christen, dass ihre Kräfte nachlassen, der Dienst schwer fällt, die Begeisterung erlahmt und die Enttäuschung zunimmt, weil sich so wenig bewegt in unserer Kirche. Und ich glaube, wir brauchen den Geist Gottes mehr denn je, damit er uns gut tut. Wir brauchen eine Kraft, die uns von innen heraus stärkt, die unsere Phantasie nährt und die uns hoffnungsvoll in Bewegung hält. Denn die Sache Jesu braucht Begeisterte – nicht nur am kommenden Pfingstfest, sondern an jedem Tag des Jahres.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Bruder. Amen.


Liebe Gemeinde,

unser Leben hat sich in den vergangenen Monaten sehr verändert. Vieles, was für uns selbstverständlich und üblich war, musste wegfallen. Das Familientreffen an Ostern, gemeinsame Geburtstagsfeiern, Zusammensein mit Freundinnen und Freunden, Besuche, gerade auch Besuche am Krankenbett, Gottesdienste – all das durfte nicht mehr sein.

Und wenn ich nun, da wir mit einigen Auflagen wieder Gottesdienste in unserer kleinen Kirche feiern dürfen und Menschen im Gottesdienst zu Wort kommen, höre ich, wie gleichermaßen schwer es jungen und älteren Menschen gefallen ist und fällt: dass Opa und Oma nicht zum Geburtstag kommen durften, dass man den kranken Bruder und Onkel nicht im Krankenhaus besuchen durfte, dass man die sterbende (Ur-)Oma nicht mehr sehen durfte, dass  man Freundinnen und Freunde nicht treffen konnte, dass man so viel allein zu Hause sein musste und Einsamkeit ein echtes Thema wurde.

Und so wünsche ich mir und uns allen sehr, dass wir diese Zeit durchhalten können und dass auch wieder andere Zeiten kommen werden.

Denn wenn wir uns unser Leben vorstellen und uns etwas wünschen, dann hängt unsere Lebensqualität nicht nur von unserem Wohlstand ab, sondern gerade auch von dem Zusammensein mit Menschen, die wir lieben und brauchen.  Familie ist wichtig; Freundinnen und Freunde sind wichtig. Wir brauchen Menschen, denen wir vertrauen können, mit denen wir Spaß haben können, mit denen wir aber auch über alles reden können und mit denen wir uns verstehen. Und der alleinige Kontakt über Telefon oder Computer bringt uns da an unsere Grenzen. Denn wir wünschen uns das Zusammensein.

Jesus sieht das ähnlich. Er hat die Jüngerinnen und Jünger um sich geschart, weil auch er Menschen um sich herum brauchte. Und diese Menschen brauchten ihn wahrscheinlich noch mehr. Sie vertrauten ihm, sie glaubten ihm, sie hofften auf ihn. Als für Jesus das Ende naht, spürt er, dass er nicht so einfach gehen kann. Er sieht die Menschen, die ihm vertraut sind und die ihm vertrauen und weiß, dass er sie nicht alleine lassen kann. Sie brauchen etwas, das von ihm bleibt, dass ihnen zum Leben hilft, dass sie an ihn erinnert.

Und so hinterlässt Jesus den Jüngerinnen und Jüngern Trostworte und Weisungen für die Zeit, in denen er nicht mehr bei ihnen sein wird.

In diesen sogenannten Abschiedsreden (Johannesevangelium Kapitel 13-17), zu denen auch die obenstehende Lesung gehört, sind die Themen zusammengestellt, die in Jesu Sinn für das Leben wichtig sind: Liebe und Frieden soll das Zusammenleben bestimmen, der Glaube und das Vertrauen in Jesus und seinen Vater soll  Kraft zum Leben geben, der heilige Geist soll trösten und verbinden, den Weg in die Ewigkeit weisen und die Traurigkeit in Freude verwandeln. Denn Jesus spricht und verheißt :“Ich lebe und ihr sollt auch leben.“ Mit diesen Worten verspricht er den Jüngerinnen und Jüngern, dass Leben in seinem Sinne, Leben in seiner Nachfolge immer möglich sein wird, auch dann wenn er nicht mehr unter ihnen sein wird. Denn wenn Jesus weggehen wird, dann verlässt er seine Jüngerinnen und Jünger nicht einfach. Indem er geht, weist ihnen den Weg zum Vater. Er lässt sie zwar zurück, öffnet ihnen aber den Blick für das, was kommen wird. Jesus vergewissert sie, dass die Verbundenheit zwischen ihnen immer gelten wird. Die Liebe, die er sie in Gottes Auftrag gelehrt hat, diese Liebe ist das Band zwischen ihnen, das niemals reißen wird.

Diese Liebe Gottes wird immer da sein. Und diese Liebe Gottes gilt auch uns. Sie verbindet uns in diesen schweren Zeiten als Gemeinde, als Gemeinschaft im Glauben. Durch die Liebe Gottes können wir spüren, dass wir nicht alleine sind, wenn die Einsamkeit uns das Leben schwer macht. Denn diese Liebe kann uns ermuntern, mutig doch noch einmal den Telefonhörer in die Hand zu nehmen und jemanden anzurufen, der oder die sich vielleicht auch einsam fühlen könnte. Und diese Liebe vergewissert uns, dass wir miteinander verbunden sind, auch wenn wir jetzt räumlich getrennt leben, leiden oder fröhlich sind. Gott verbindet uns durch seine Liebe und das gilt in Ewigkeit. Unser Leben liegt in Gottes Hand. Und Gott hat uns in seinem Sohn versprochen, dass er uns nicht alleine lässt und immer für das Weiterleben und die Zukunft sorgen wird. Möge uns diese Gewissheit in diesen Tagen Kraft, Trost und Durchhaltevermögen geben.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn und Bruder. Amen.