Zu Weihnachten

Liebe Gemeinde,

Weihnachten – das ist das Fest der großen Gefühle, das Fest der Liebe und des Friedens, das viele von uns jedes Jahr mit gemischten Gefühlen erwarten.

Vorfreude und Ängste begleiten an manchen Orten die jährlichen Vorbereitungen: Wird es schön werden? Haben wir auch genug eingekauft? Haben wir für jede und jeden das Richtige gefunden und verpackt? Werden die kränkelnden Großeltern dieses Jahr wohl wieder dabei sein können? Werden sich alle wohlfühlen? Hoffentlich werden sich alle gut unterhalten und verstehen.

An Weihnachten muss eben alles stimmen. Und darum ist Weihnachten wahrscheinlich die am meisten geliebte und oft auch die am meisten gefürchtete Zeit im Jahr.

Geliebt um der Freude willen, die Menschen einander bereiten wollen. Geliebt um der Lichter, der Lieder, der Genüsse und der Düfte willen, die uns friedlich und manchmal auch ein bisschen sentimental stimmen.

Gefürchtet um der Stimmung willen, die so leicht zusammenbrechen kann, wenn man nicht ganz gut auf sie aufpasst, jedes Wort gut abwägt und strittige Themen gar nicht erst anspricht.

An Weihnachten werden viele Erwartungen wach. An Weihnachten erwarten wir so viel von dem ganzen Drumherum, von uns selbst und von den Menschen um uns herum, dass der eigentliche Anlass darüber manchmal aus dem Blick gerät.

Denn eigentlich ist Weihnachten doch ein Fest der Befreiung und nicht der gegenseitigen Belastungen. Jesus kommt zur Welt und das heißt: Gott hilft. Gott mischt sich ein in unsere Welt in unser Leben. Und deshalb können wir an Weihnachten alle unsere Erwartungen an uns selbst doch einmal getrost beiseite schieben und uns und andere davon frei machen von allem gegenseitigen Erwartungsdruck. Denn an Weihnachten geht es nur darum, was wir von Gott erwarten. Und an Weihnachten geht es auch darum, wen wir von Gott erwarten.

Was wir von Gott erwarten dürfen oder wen wir von Gott erwarten dürfen, dazu macht der für heute vorgeschlagene Predigttext aus dem Johannesevangelium einige Zusagen.

Ich lese aus dem 3. Kapitel die Verse 16-21:

Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.

Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes.

Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse.

Wer Böses tut, der hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden.

Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind.

Dieser Text ist auf den ersten Blick so gar kein typischer Weihnachtstext, wie wir ihn vielleicht erwartet hätten. Man vermisst das Kind in der Krippe, Maria und Josef und die ganzen anderen Figuren, die an Weihnachten jedes Jahr ihren großen Auftritt haben. Mich hat die Wahl dieses Textes sehr gefreut, denn:

An Weihnachten geht es eben nicht nur um das Kind, das in einem Stall am Rande der Welt geboren wird als Garant der Liebe Gottes und als Hoffnungsträger für alle Menschen, deren Leben arm und leer ist.

An Weihnachten geht es vor allem auch um den erwachsenen Sohn Gottes, der uns die Liebe Gottes nahegebracht, der selbst diese Liebe personifiziert.

Weihnachten hat also auch immer etwas mit Ostern zu tun, denn erst in nachösterlicher Sicht wird aus diesem jüdischen Kind in der Krippe etwas Besonderes: unser Messias, der Gesalbte, unser Christus, der Retter der Welt.

Die eben gelesenen Verse des Predigttextes beschließen das Lehrgespräch zwischen dem erwachsenen Jesus und dem Pharisäer Nikodemus, der sich nachts heimlich zu Jesus schleicht, um Jesu Verkündigung kritisch zu hinterfragen und um sich den Glauben, so wie Jesus ihn versteht und predigt, deutlicher erklären zu lassen. Es geht um Theologie pur, um die Kurzfassung der Verkündigung Jesu. Gott liebt diese Welt so sehr, dass er seinen Sohn schickt, um die Welt vor dem Gericht zu retten, als Chance, um zum Glauben an Gott umzukehren und zu einem Leben im Licht. Wenn wir uns darauf einlassen, dann dürfen wir von Gott Rettung, Erlösung und ewiges Leben erwarten – das verspricht er uns durch die Ankunft seines Sohnes in unserer Welt. Und damit ist die Weihnachtsbotschaft schon angesprochen. Denn mit dieser Kurzfassung ist eigentlich auch schon alles gesagt, was von Weihnachten her über Jesus zu sagen ist.

Gott schickt uns seinen Sohn, damit die Welt gerettet werde. Und damit ist eine neue Lebensqualität verbunden. Denn der Glaube an diese Botschaft kann uns helfen, uns von unseren Sorgen nicht erdrücken zu lassen, sondern den Mut zu bekommen, uns dem zu stellen und dagegen anzugehen. Der Glaube daran kann Ängste lindern und zur Lust am Leben zurückführen. Das verspürt Nikodemus. Das verspüren die Hirten und sicher auch Maria und Josef. Und das verspüren alle Menschen, denen der erwachsene Jesus begegnet ist wie z.B. Petrus, Zachäus, Maria von Magdala, der Hauptmann von Kapernaum, die blutflüssige Frau und all die anderen, deren Leben durch die Begegnung mit Jesus wieder heil wurde. Und vielleicht kann auch uns das noch heute passieren, wenn wir das Kind in der Krippe so ernst nehmen, dass wir es groß werden lassen und auch auf die Worte und Taten des erwachsenen Jesus hören. Denn in der gesamten Lebensgeschichte Jesu begegnet uns Menschen der Liebeswille Gottes. Gott ist in die Welt gekommen, weil er uns Menschen liebt. Und nun liegt es in unserer Hand, uns daran zu orientieren. Es liegt an uns, ob wir uns von dieser Liebe, die von der Krippe zum Kreuz einen konsequenten Weg einschlägt, anstecken lassen und sie weitergeben. Es liegt an uns, ob wir unsere Hände und Herzen öffnen und bereit werden für die Werke, die dieser Liebe folgen – Werke des Lichts und der Wahrheit, Werke des Friedens und der Gerechtigkeit, Taten der Mitmenschlichkeit und der Solidarität – all die Verhaltensweisen, die menschliches Zusammenleben so verbessern, dass niemand mehr arm, schwach, benachteiligt oder unterdrückt sein muss.

Die Welt braucht Menschen, die dieser Liebe Glauben schenken und ihr folgen – allen gegenteiligen Erfahrungen zum Trotz. Die Welt braucht Menschen, die bereit sind, Zeichen dieser Liebe in die Welt zu tragen. Die Welt braucht mehr denn je Menschen, die in allen Dunkelheiten das Licht nicht aus den Augen verlieren. Die Welt braucht Menschen, die sich noch berühren lassen vom Schicksal derer, denen es schlechter geht. Menschen, die etwas von ihrem Besitz abgeben wie z.B. die Kinder aus unseren Grund- und weiterführenden Schulen, die in jedem Jahr Weihnachtspäckchen packen für Kinder und Jugendliche in Rumänien oder ihre Martins-Süßigkeiten mit der Dormagener Tafel teilen. Menschen, die Alleinstehende an Heiligabend einladen, dabei zu sein. Menschen, die sich nicht einschüchtern lassen und die gegen Unrecht angehen. Menschen, die sich nicht provozieren lassen und an der Gewaltlosigkeit festhalten. Menschen, die echten Frieden suchen und nicht nur einen Waffenstillstand. Menschen, die sich über die Geburt des Kindes freuen können und darüber den Mann am Kreuz nicht vergessen. Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.


Zum Advent

Jetzt, wo die Tage kurz und die Nächte lang geworden sind, wo wir das helle Sonnenlicht vermissen, weil die Dunkelheit sich rasch um uns herum ausbreitet, wo die Kälte in unsere Glieder und Wohnungen dringt, da brauchen wir Wärme und Licht ganz dringend für unser Leben.

Darum sind wir heute hier zusammen.

Wir feiern Gottes Advent, seine Ankunft unter uns Menschen, die uns Licht und Wärme für alle Zeiten verspricht.

Von Weihnachten her dringt ein Licht in unser Leben und wirft seinen Schein schon voraus. Der Engel hat es Maria angekündígt: Du hast Gnade bei Gott gefunden. Du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.

Gott hat Israel einen Retter verheißen und er wird seine Versprechen wahr machen. Als Christinnen und Christen glauben wir: Gott schickt uns seinen Sohn, indem sich all seine Verheißungen erfüllen werden. Das Kind, auf das wir hoffen, verspricht uns: Alles wird anders werden. Alle Verhältnisse werden sich umkehren. Die Schwachen werden stark; die Kleinen groß; die Verstorbenen werden leben; aus der Finsternis heraus wird ewiges Licht leuchten. Dieses Licht hat Gott bereits seinem Volk Israel verheißen. Denn Gott wusste, was es für Menschen bedeutet, in der Finsternis leben zu müssen. Wir Menschen brauchen das Licht, denn für uns und unsere Gesundheit ist Licht unverzichtbar. Eben ein kostbares Gut. Davon erzählt auch folgende Legende: Ein König hatte zwei Söhne.

Als er alt wurde, da wollte er einen der beiden zu seinem Nachfolger bestellen. Er versammelte die Weisen seines Landes und rief seine beiden Söhne herbei. Er gab jedem fünf Silberstücke und sagte: „Ihr sollt für dieses Geld die Halle in unserem Schloss bis zum Abend füllen. Womit, das ist eure Sache.“ Die Weisen sagten: „Das ist eine gute Aufgabe.“

Der älteste Sohn ging davon und kam an einem Feld vorbei, wo die Arbeiter dabei waren, das Zuckerrohr zu ernten und in einer Mühle auszupressen. Das ausgequetschte Zuckerrohr lag nutzlos herum.

Er dachte sich: Das ist eine gute Gelegenheit, mit diesem nutzlosen Zeug die Halle meines Vaters zu füllen.“ Mit dem Aufseher wurde er einig, und sie schafften bis zum späten Nachmittag das ausgedroschene Zuckerrohr in die Halle. Als sie gefüllt war, ging er zu seinem Vater und sagte: „Ich habe deine Aufgabe erfüllt. Auf meinen Bruder brauchst du nicht mehr zu warten. Mach mich zu deinem Nachfolger.“ Der Vater antwortete: „Es ist noch nicht Abend. Ich werde warten.“

Bald darauf kam der jüngere Sohn. Er bat darum, das ausgedroschene Zuckerrohr aus der Halle zu entfernen. So geschah es. Dann stellte mitten in die Halle eine Kerze und zündete sie an. Ihr Schein füllte die Halle bis in die letzte Ecke hinein.Der Vater sagte: „Du sollst mein Nachfolger sein. Dein Bruder hat fünf Silberstücke ausgegeben, um die Halle mit nutzlosem Zeug zu füllen. Du hast nicht einmal ein Silberstück gebraucht und hast sie mit Licht erfüllt. Du hast sie mit dem gefüllt, was die Menschen brauchen.“

Liebe Gemeinde, wie sehr wir Menschen die Dunkelheit fürchten und das Licht brauchen, das erkennen wir – denke ich – daran, dass in jedem Jahr die Lichtdekorationen in unseren Straßen, an unseren Häusern immer ausgefallener, immer greller und bunter werden.

Wir bereiten uns auf Weihnachten vor; wir strecken uns dem weihnachtlichen Licht entgegen und hoffen, es schon jetzt in der Adventszeit zum Leuchten zu bekommen. Manchmal scheint mir, wir vergessen dabei, dass über dem Stall von Bethlehem nur ein Stern geleuchtet hat. Es war kein Feuerwerk, keine Ansammlung von Millionen leuchtenden Sternen, sondern ein kleiner bescheidener Stern, der auf das eigentliche Licht hingewiesen hat. Und dieses Licht ging von einem Kind aus. Wir glauben und bekennen: Gott hat seinen Sohn in die Welt gesandt, damit es hell wird in den Dunkelheiten der Menschen.

Jesu Aufgabe war es, die Halle der Welt mit Licht zu füllen – auf seine ihm eigene Weise. Und an dieser Weise können wir uns entzünden. Von Jesu Art können wir uns anstecken lassen. Jesus zeigt uns, wie wir durch Worte und Taten unser Leben und das Leben derer um uns herum heller, wärmer und freundlicher machen können. Nach und nach kann so im Glanz des göttlichen Lichtes der helle Schein die dunkle Nacht von Menschen durchdringen. Jede helfende Hand, jedes tröstende Wort, jede liebevolle Geste, jede versöhnliche Tat macht die Welt ein Stückchen heller.

Daran können uns auch die vier Kerzen des Adventskranzes erinnern. Denn: Das erste Licht nennen wir Frieden. Es hilft uns, die Menschen in einem anderen Licht zu sehen. Wir erkennen: Auch der, der Böses getan hat, ist nicht nur schlecht. Das ist der erste Schritt auf dem Weg zur Versöhnung. So fängt der Friede an. Dieses Licht sagt uns: Wir sind auf dem Weg zu einem großen Licht. Zu Jesus, der den Frieden bringt.

Das zweite Licht nennen wir Leben. Es vertreibt die Traurigkeit. Es bringt Heilung in aller Krankheit. Dieses Licht sagt uns, dass Gott uns Menschen liebt.

Das dritte Licht nennen wir Hoffnung. Es sagt allen Menschen, die verzweifelt sind und keinen Ausweg mehr sehen, dass Gott die Menschen nicht in Stich lässt. Das vierte Licht nennen wir Rettung. Dieses Licht sagt uns, dass wir uns nicht fürchten müssen. Gott wurde Mensch unter Menschen. In einem kleinen Kind in der Krippe ist er ganz nahe bei uns. Wir Menschen brauchen Licht. In seinem Sohn schenkt Gott uns das Licht, unser Lebenslicht an jedem Tag des Jahres. Daran erinnert uns auch das Friedenslicht, das wir von den Pfadfinder*innen auch in diesm Jahr wieder bekommen haben, um es reichlich hier vor Ort zur Freude aller auszuteilen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder. Amen.