Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld…

Liebe Gemeinde,

und wieder ist die Passionszeit ins Jahr unserer Kirche eingekehrt. Wir gedenken des Leidens Christi, seiner Passion, erinnern uns an den schweren Weg, den Jesus bis ans Kreuz gegangen ist. In den Gottesdiensten singen wir Lieder, die mir an manchen Tagen kaum über die Lippen gehen und kaum zu meiner Stimmung passen: „O Haupt voll Blut und Wunden“, „Du großer Schmerzensmann, vom Vater so geschlagen“, „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“. Die Wortwahl mutet fremd und wenig zeitgemäß an, der Inhalt ist tragisch, traurig, niederschmetternd.

Theologische Weis- und Wahrheiten, die im vorösterlichen Alltag vieler Menschen doch eher merkwürdig wirken. Wer will schon an Leid und Schuld erinnert werden angesichts des Ostereiermalens und- bastelns in den Kindertagesstätten und Schulen, zwischen bunten Eiern, Schoko-Osterhasen, Küken und Nestern in den Supermärkten. Wir können doch froh sein, dass es uns so gut geht und fröhlich nach vorne blicken.

Können wir – sicher. Und doch: Wir sind ja nicht alleine auf dieser Welt. Wenn ich in diesen Tagen über den Krieg zwischen der Ukraine und Russland lese, wenn ich mir die Situation in Syrien und Israel-Palästina vor Augen halte, dann wird mein Blick unweigerlich auf das Leid gezogen, das nach wie vor in unserer Welt herrscht und mit dem Menschen tagtäglich konfrontiert werden. Und dann werde ich still und demütig und erinnere mich daran, dass Jesus ja eigentlich ans Kreuz gegangen ist, damit Leben möglich wird: friedliches versöhntes qualitativ anderes Leben ohne Leiden, Sterben, Kriege.

Jesus hat gelitten und ist am Kreuz gestorben, damit Friede werde auf Erden – Friede zwischen Gott und Mensch; Friede unter uns Menschen. Davon scheinen wir im Moment wieder einmal meilenweit entfernt zu sein. Und so höre ich in diesem Jahr die Passionslieder noch einmal anders – als Mahnung und als Trost.: „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld der Welt und ihrer Kinder (…). Das soll und will ich mir zunutz zu allen Zeiten machen; im Streite soll es sein mein Schutz, in Traurigkeit mein Lachen (…).“ (EG 83)

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder. Amen.